Schule als Werkstatt der Zukunft – Warum Potenzialentfaltung mehr ist als ein Konzept
In dieser Folge sprechen wir mit einer der bekanntesten Bildungsinnovatorinnen Deutschlands: Margret Rasfeld. Seit Jahrzehnten treibt sie Veränderung im Schulsystem an – als Schulleiterin, Initiatorin des FREI DAY, Mitbegründerin von Schule im Aufbruch und Impulsgeberin für eine Bildung, die nicht nur Stoff vermittelt, sondern Zukunft gestaltet.
Im Gespräch nimmt sie uns mit in ihre Praxis – und zeigt, wie Schulen zu Orten werden können, an denen Kinder Selbstwirksamkeit, Verantwortung und Begeisterung erleben.
Vom Frontalunterricht zur Lernkultur der Potenzialentfaltung
Schon in der Einstiegsfrage wird deutlich, was Rasfeld geprägt hat: In ihrer eigenen Schulzeit fand sie kaum Momente echten Lernens – außer dort, wo Kreativität, Beziehung und gemeinsames Tun möglich waren.
Alles andere: Langeweile, Gleichschritt, Anpassungsdruck.
Genau das wollte sie später anders machen.
In Essen und später an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) entwickelte sie eine Lernkultur der Potenzialentfaltung, die heute bundesweit diskutiert wird. Wichtig dabei:
- Lernen ist beziehungsorientiert, nicht angstorientiert.
- Schüler*innen entscheiden mit und arbeiten projektbasiert.
- Kreativität, Emotionen, Teamarbeit und Sinn sind genauso wichtig wie Wissen.
- Lehrkräfte begleiten, coachen und vertrauen – statt zu kontrollieren.
Die neurobiologische Lernforschung gibt ihr Recht: Lernen gelingt dort, wo Beziehung, Begeisterung und Freiheit zusammenkommen.
Organisation statt Gleichschritt – und warum Leistung neu gedacht werden muss
Ein zentrales Motiv der Folge ist Rasfelds Kritik am klassischen Leistungsbegriff.
Für sie gilt: „Wer Leistung will, muss Begeisterung stiften.“
Und Begeisterung entsteht nicht durch Druck, Noten oder starren Stoffplan, sondern durch:
- selbstorganisierte Lernbüros,
- Coaching-Gespräche,
- Jahrgangsmischung,
- individuelle Gelingensnachweise,
- Verantwortung im echten Leben.
Eindrucksvoll erzählt sie, wie Schüler*innen in solchen Formaten Leistungen „auf Uniniveau“ erbringen – nicht trotz, sondern wegen der Freiheit, die sie bekommen.
Herausforderung: Das Schulfach, das Menschen wachsen lässt
Besonders bewegend ist Rasfelds Beschreibung des innovativen Lernformats Herausforderung: Drei Wochen außerhalb der Schule – mit 150 Euro, einem Team, einem selbstgewählten Ziel und jeder Menge Mut. Zu Fuß durch die Natur, Radreisen, Arbeiten auf dem Bauernhof – echte Erfahrungen statt Arbeitsblätter.
Nicht selten sagen angehende Lehrkräfte nach der Begleitung solcher Gruppen:
„Ich habe in diesen Wochen mehr gelernt als im ganzen Studium.“ Das Konzept stärkt Teamfähigkeit, Resilienz und Selbstvertrauen – Fähigkeiten, die in Zeiten disruptiver Veränderungen wichtiger sind denn je.
Wie aus einer Schule eine Bewegung wurde: Die Entstehung von Schule im Aufbruch
Aus der großen Resonanz auf ihre Praxis entstand 2012 – gemeinsam mit Gerald Hüther und Stefan Breidenbach – Schule im Aufbruch, eine bottom-up-Bewegung für transformative Bildung.
Von Lehrerfortbildungen durch Schüler*innen bis zu bundesweiten Roadshows: Rasfeld erzählt, wie sich die Idee der Potenzialentfaltung über Deutschland verbreitete – und warum echte Veränderung nur dann gelingt, wenn sie von innen heraus entsteht.
Ein beeindruckendes Bild:
Schüler*innen stehen auf großen Bühnen und erklären Erwachsenen, wie gute Schule aussieht. Und das überzeugend genug, um Schulentwicklungsprozesse auszulösen.
Der FREI DAY: Vier Stunden Zukunft jede Woche
Der FREI DAY ist Rasfelds Antwort auf einen klar formulierten Bildungsauftrag:
Aktions- und Freiräume für das Handeln von Kindern und Jugendlichen müssen strukturell verankert sein.
Beim FREI DAY arbeiten Schüler*innen:
- wöchentlich vier Stunden
- in Interessengruppen
- an gesellschaftlichen Herausforderungen
- entlang der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs).
Das Besondere ist, dass es geht nicht nur darum geht, Wissen aufzubauen – sondern konkrete Lösungen zu entwickeln, Projekte umzusetzen und die Schule oder Kommune nachhaltiger zu gestalten. Vom Plastikverbrauch bis zu Solarenergie, von Stadtbegrünung bis hin zu Menschenrechten: Die Themen kommen von den Kindern selbst.
In Rasfelds Worten: „Schulen werden von Sitz- und Schreibschulen zu Tatorten und Wirkstätten.“
Ohnmacht vs. Selbstwirksamkeit – warum wir eine neue Lernkultur brauchen
Die Folge thematisiert auch die alarmierende Mental-Health-Situation junger Menschen. Neun von zehn Jugendlichen fühlen sich laut aktuellen Studien ohnmächtig. Laut Rasfelds trägt die traditionelle Schule erheblich dazu bei.
Der FREI DAY dagegen fördert Hoffnung, Sinn, Teamarbeit, Verantwortung und Gestaltungswillen. Das alles sind zentrale Resilienzfaktoren in einer Zeit multipler Krisen.
Wie Schulen starten können – und warum niemand allein gehen muss
Zum Schluss wird es ganz konkret:
- Informationen und Materialien gibt es auf der FREI DAY-Website.
- Schulen können Fortbildungen und Moderation anfragen.
- Eltern können Initiativen anschieben.
- Ganze Kommunen und Schulaufsichten (wie in NRW) machen sich bereits gemeinsam auf den Weg.
Für alle, die klein anfangen wollen, hat Rasfeld einen einfachen Tipp:
Frag die Schüler*innen, was sie interessiert – und lass sie loslaufen.
Das ist der Unterschied zwischen „Linsensuppe“ und „Buffet“.
Fazit: Schule kann ein Ort der Hoffnung sein
Diese Folge zeigt eindrücklich: Schule kann so viel mehr sein als Unterricht. Sie kann ein Ort sein, an dem junge Menschen erfahren, was in ihnen steckt – und dass sie die Welt verändern können.
Für alle, die Schulentwicklung menschlicher, zukunftsfähiger und mutiger denken wollen: Unbedingt reinhören.



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