2.4 – Alida Eberhardt, warum ist das Klassenzimmer mehr als nur ein Raum?

In dieser Folge von PUZZLE sprechen Hannah und Hannah mit Alida Eberhardt – vielen vielleicht besser bekannt als @frauebi auf Instagram. Alida ist Lehrerin an einer Oberschule plus in Sachsen und unterrichtet seit anderthalb Jahren nach dem Churer Modell, einem Konzept für selbstgesteuertes Lernen, das ursprünglich aus der Schweiz stammt.

Im Gespräch nimmt sie uns mit in ihren Unterrichtsalltag – und zeigt, wie Schule aussehen kann, wenn Kinder nicht nur lernen sollen, sondern wirklich lernen wollen.

„Schüler*innen haben Bock zu lernen.“

Schon zu Beginn der Folge wird deutlich, was Alida antreibt: die Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche grundsätzlich motiviert sind zu lernen – wenn Schule ihnen dafür die richtigen Bedingungen bietet.

Ihre eigenen Erinnerungen an Schule sind dagegen eher ernüchternd. Besonders in höheren Klassen empfand sie Unterricht oft als starr, fremdbestimmt und wenig motivierend. Spaß gemacht habe Lernen vor allem dann, wenn Bewegung, Selbstständigkeit oder praktische Erfahrungen möglich waren. Genau daraus entstand später auch ihr Wunsch, Schule anders zu gestalten.

Das Churer Modell: Vier Elemente für selbstgesteuertes Lernen

Im Zentrum der Folge steht das Churer Modell, das Alida über Social Media und eigene Recherchen kennengelernt hat – und anschließend mutig einfach ausprobierte.

Das Modell basiert auf vier zentralen Elementen:

1. Das Klassenzimmer als „dritter Pädagoge“

Der Raum wird bewusst gestaltet: mit verschiedenen Arbeitsplätzen zum Sitzen, Liegen oder Stehen, Rückzugsorten und einer ruhigen, ästhetischen Atmosphäre. Ziel ist ein Lernort, an dem sich Kinder wohlfühlen und konzentrieren können.

2. Flexible Arbeitsplatz- und Lernpartnerwahl

Die Schüler*innen entscheiden selbst, wo und mit wem sie arbeiten möchten. Dadurch lernen sie früh, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen.

3. Gemeinsame Lerninputs im Sitzkreis

Neue Inhalte werden gemeinsam im Kreis erarbeitet – möglichst kurz, interaktiv und dialogisch. So entsteht ein Gemeinschaftsgefühl und alle Kinder sitzen „in der ersten Reihe“.

4. Offene und differenzierte Lernaufgaben

Die Aufgaben sind so gestaltet, dass jedes Kind auf seinem eigenen Niveau arbeiten kann. Statt starrer Arbeitsblätter gibt es offene Aufgabenstellungen mit verschiedenen Zugängen und Lernwegen.

Vertrauen statt Kontrolle

Ein zentrales Thema der Folge ist das Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder. Alida beschreibt eindrücklich, wie selbstverständlich viele Schüler*innen mit den Freiheiten umgehen, die ihnen gegeben werden.

Kinder überlegen selbst:

  • Wo kann ich mich gut konzentrieren?
  • Arbeite ich lieber allein oder mit anderen?
  • Was brauche ich gerade zum Lernen?

Gerade diese Selbststeuerung sieht Alida als wichtigen Grundstein für spätere Selbstständigkeit und Selbstvertrauen. Gleichzeitig macht sie deutlich: Das bedeutet für Lehrkräfte auch, Kontrolle abzugeben – und sich auf Prozesse einzulassen, die nicht immer vollständig planbar sind.

Von der Kita in die Schule – und plötzlich feste Sitzplätze

Besonders spannend ist Alidas Beobachtung, dass viele Kinder bereits mit festen Vorstellungen von Schule in die erste Klasse kommen. Obwohl sie aus Kindergärten ohne feste Sitzordnungen kommen, fragen sie direkt nach ihrem „eigenen Platz“.

Für Alida zeigt das, wie stark traditionelle Schulbilder gesellschaftlich verankert sind – und wie wichtig es ist, alternative Lernkulturen bewusst sichtbar zu machen.

Zwischen Motivation und Systemgrenzen

Natürlich spricht die Folge auch über Herausforderungen. Ein großes Spannungsfeld entsteht für Alida bei der Notengebung.

Wie bewertet man fair, wenn Kinder auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten? Was bedeutet eine „2“, wenn die Aufgaben individuell angepasst wurden? Und wie passt ein stark differenzierter Unterricht überhaupt zu klassischen Tests?

Besonders in der Grundschule beschäftigt sie diese Frage intensiv. Gleichzeitig versucht sie, den Kindern unabhängig von ihren Leistungen das Gefühl zu geben:
„Du bist genauso toll, egal welche Note da steht.“

Schulentwicklung beginnt oft mit kleinen Schritten

Besonders motivierend an der Folge ist Alidas Haltung zur Veränderung: Niemand muss sofort alles umkrempeln. Viele Elemente des Churer Modells lassen sich auch im kleinen Rahmen ausprobieren:

  • flexible Sitzordnungen,
  • kurze Sitzkreis-Inputs,
  • offenere Aufgabenstellungen,
  • mehr Mitbestimmung für Schüler*innen.

Für Alida ist klar: Veränderung entsteht oft genau dann, wenn man Dinge einfach ausprobiert.

„Fragt eure Schüler*innen, worauf sie Bock haben.“

Zum Abschluss der Folge formuliert Alida ihren vielleicht wichtigsten Tipp für guten Unterricht: Schüler*innen ernst nehmen und sie aktiv in die Gestaltung des Unterrichts einbeziehen.

Denn echte Lernfreude entsteht dort, wo Kinder erleben:

  • dass ihre Bedürfnisse zählen,
  • dass sie mitentscheiden dürfen,
  • und dass Lernen etwas mit ihnen selbst zu tun hat.

Eine inspirierende Folge für alle, die Unterricht mutiger, menschlicher und selbstbestimmter gestalten wollen – jetzt reinhören!

Leave a comment

Wer wir sind

Wir sind Hannah und Hannah, zwei Lehrerinnen an Gymnasien in Oberbayern für die Fächer Deutsch und Englisch bzw. Englisch und Sport. Mit Themen aus den Bereichen Bildung und Schulentwicklung beschäftigen wir uns schon seit Jahren. 

Die Möglichkeit hierzu hatten wir durch ein Stipendium für Studierende der Lehrämter (Studienkolleg der Stiftung der deutschen Wirtschaft), in dessen Rahmen wir während des Studiums Seminare und Workshops zu den Themen besuchen durften.

Gemeinsam mit PUZZLE e.V. wollen wir die guten Ideen, die es zu Schule gibt, mit Euch teilen.

Schreibe uns!