Teil 2 der Podcast-Doppelfolge mit Hannah über Klassenzimmer unter Segeln
In dieser zweiten Folge zum Projekt Klassenzimmer unter Segeln verlassen Hannah und Hannah den Blick auf das Warum? und tauchen ins Konkrete ein: Wie sah Unterricht an Bord der Thor Heyerdahl tatsächlich aus? Was passiert mit Regeln, wenn man sie wirklich braucht? Und was nimmt man als Lehrkraft mit, wenn man monatelang mit Schüler*innen nicht nur Unterricht gemacht, sondern auch gelebt hat?
Regeln, die nicht nerven – weil sie Sinn ergeben
Eine der zentralen Erkenntnisse aus Hannahs Zeit auf See klingt zunächst simpel: Regeln werden dann akzeptiert, wenn ihre Notwendigkeit aus der Situation heraus verstanden wird. An Bord dauerte es teils bis zu sechs Wochen, bis die Jugendlichen die Treppe rückwärts herunter gingen. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil sie erst begreifen mussten, warum das im Ernstfall – mehrere Tage vom nächsten Krankenhaus entfernt – wirklich relevant ist.
Das hat Hannah nachhaltig zum Nachdenken über Regeln im Schulalltag gebracht. Nicht jede Regel, die im Klassenraum existiert, hat denselben Sinn. Und wer nicht erklären kann, warum etwas gilt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es nicht eingehalten wird. Ihr Fazit: Sie würde sich nie mehr am ersten Schultag vor eine neue Klasse stellen und einen Regelkatalog verkünden. Stattdessen: Grundsätze gemeinsam entwickeln lassen und im Zweifelsfall erklären, warum etwas gilt – oder eingestehen, dass es vielleicht gar nicht nötig ist.
Du statt Sie: Was ein Wort mit Respekt macht
An Bord duzen sich alle – Jugendliche, Lehrkräfte, Projektleitung, Kapitän. Was im deutschen Schulkontext ungewöhnlich klingt, war auf dem Schiff schlicht selbstverständlich. Und die Schüle*rinnen, die Hannah im Interview dazu befragt hat, bringen es erstaunlich präzise auf den Punkt: Respekt hängt nicht an einem Wort. Eine Schülerin sagt, sie respektiere Hannah nicht, weil das ihre Lehrerin ist – sondern weil sie Hannah ist. Das Du schafft keine Respektlosigkeit, sondern eine andere, persönlichere Form des Respekts.
Was das für den Schulalltag bedeutet, lässt die Folge bewusst offen. Aber dass Respekt sich durch Haltung und Beziehung entwickelt – und nicht durch Anredeform verordnet werden kann – ist ein Gedanke, der bleibt.
Unterricht unter anderen Vorzeichen
Wie Unterricht an Bord organisiert war, ist so ungewöhnlich wie der Rahmen selbst: Weil die Jugendlichen täglich abwechselnd entweder das Schiff fahren oder Unterricht haben, unterrichtet Hannah jede Stunde zweimal – jeweils für 17 Schüler*innen. Kein geschlossener Klassenraum, sondern Hauptdeck oder Gemeinschaftsraum. Nasse Füße, Stifte die wegrollen, Segler die durchs „Klassenzimmer” laufen und gelegentlich Wale am Horizont – das ist der Unterrichtsalltag auf See.

Dazu gibt es keine Verbindung nach Hause, keine Handys für die Jugendlichen und stattdessen: rund 800 Bücher an Bord. Das Ergebnis ist bemerkenswert – Jugendliche, die sich vor der Reise kaum für Lesen interessierten, entdecken es als Werkzeug zur Selbstbildung. Einer von ihnen entwickelt sich zum selbsternannten Experten für Ozeanografie – durch Bücher, die er freiwillig und mit wachsender Begeisterung verschlingt.
Weniger ist manchmal mehr
Eines der überraschendsten Learnings aus dem Unterricht: 15 Stunden Englisch insgesamt auf der gesamten Reise – und trotzdem kein Rückstand. Das gelingt durch konsequent exemplarisches, stark kondensiertes Arbeiten. Übungsanteile werden in die Freiarbeitszeit verlagert, in der Jugendliche selbst wählen, worauf sie sich vorbereiten möchten. Was bleibt, ist das Wesentliche – und es reicht. Viele der Jugendlichen stellten nach ihrer Rückkehr erstaunt fest, wie langsam Schule zu Hause eigentlich ist.
Gedichte, Ästhetik und das Schreiben als Werkzeug
Ein persönliches Lehrmoment für Hannah war eine Gedicht-Einheit über Kolonialismus kurz vor dem Aufenthalt auf Dominika. Thematisch war die Stunde passend, methodisch solide, aber der erhoffte Funken sprang nicht über. Was später bei der Deutschkollegin aber funktionierte, war das eigene produktive Handeln. Die Jugendlichen schrieben zuerst selbst Gedichte über ihre Reise. Danach veränderte sich ihre Einstellung zu Gedichten grundlegend. Hannah nimmt das als konkreten Impuls mit: Beim nächsten Mal zuerst schreiben lassen – dann analysieren.
Dazu passend erklärt Projektgründerin Dr. Ruth Merk, warum ästhetisches Lernen im Projekt bewusst Raum bekommt: nicht angeleitet, sondern gelebt. Tausend Sonnenuntergänge, kreatives Schreiben, das Wahrnehmen besonderer Momente – das sind nicht unbedingt Lehrplanziele, alles trägt aber zu einer besonderen Entwicklung von Haltung bei.
Zum Abschluss der Folge liest Hannah ein Gedicht vor, das eine Schülerin zum Ende der Reise geschrieben hat. Es trägt den Titel „Das Ende und des Endes Wert” – und es zeigt, was situationsbasiertes Lernen im besten Fall auslöst: echtes Nachdenken, echte Sprache, echtes Gefühl. Hör’ doch mal rein!



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