Von der Raupe zum Schmetterling – Wie aus einer Schule kurz vor der Schließung eine Vorzeigeschule wurde
Neue Podcast-Folge mit Prof. Dr. Olaf Axel Burow, emeritiertem Professor für Allgemeine Pädagogik
In dieser Folge von PUZZLE sprechen wir mit jemandem, der die Schulentwicklung in Deutschland seit Jahrzehnten wissenschaftlich begleitet und mitgeprägt hat: Prof. Dr. Olaf Axel Burow, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik mit den Schwerpunkten Kreativitätsforschung, Persönlichkeitsentwicklung und Zukunftsgestaltung. Anlass des Gesprächs ist sein neues Buch “Wenn Schule fliegen lernt”, das er gemeinsam mit Prof. Dr. Johannes Zylka und Stefan Ruppaner, dem ehemaligen Rektor der mehrfach preisgekrönten Alemannenschule Wutöschingen, geschrieben hat. Im Zentrum der Folge steht die sogenannte Schmetterlingspädagogik – ein Modell, das mit fast allem bricht, was wir traditionell mit Schule verbinden.
Schule ist mehr als Unterricht
Schon bei der Einstiegsfrage wird deutlich: Auch für Burow selbst fand prägendes Lernen nicht im klassischen Unterricht statt, sondern bei einem Religionslehrer, der mit ihm und anderen Jugendlichen in den Schweizer Alpen philosophische Diskussionen führte, Theaterstücke aufführte und eine Schulzeitung gründete – das, was Burow später als “kreatives Feld” bezeichnen sollte. Diese außerschulische Erfahrung, so erzählt er, hat ihn bis heute stärker geprägt als jede reguläre Schulstunde der 60er-Jahre.
Zwei Flügel: Selbstorganisiertes Lernen und Lernen durch Erleben
Die Schmetterlingspädagogik, wie sie an der Alemannenschule Wutöschingen gelebt wird, ruht auf zwei Säulen. Statt Frontalunterricht gibt es das Lernatelier: einen Großraum, in dem bis zu 250 Schülerinnen und Schüler selbstständig mit Kompetenzrastern auf drei Leistungsstufen arbeiten, unterstützt durch kurze Inputphasen von maximal 20 Minuten und wöchentliche Lerncoachings. Am Nachmittag folgt das “Lernen durch Erleben” in altersgemischten Lernteams und Clubs. Noten gibt es bis zur achten Klasse keine, stattdessen sogenannte Gelingensnachweise – und selbst das Wording ist bewusst gewählt: Aus Schülern werden Lernpartner, aus Lehrkräften Lernbegleiter.
Vom Lehrer zum Umgebungsdesigner
Besonders eindrücklich beschreibt Burow den Paradigmenwechsel, der hinter dem Modell steht: Statt dass alles Lernen von den Lehrkräften ausgeht, werden diese zu Umgebungsgestaltern – ganz im Sinne Maria Montessoris. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen dadurch mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen, während die Lehrkräfte trotz vollem Deputat deutlich weniger Unterrichtsstunden halten, dafür aber mehr Zeit für individuelle Beratung und Materialentwicklung haben.
Zwischen Vision und Realität
Dass ein solcher Wandel nicht über Nacht gelingt, macht Burow unmissverständlich klar: Der Entwicklungsprozess an der Alemannenschule zog sich über zwölf Jahre und war von zahlreichen Rückschlägen begleitet. Sein Bild dafür: seine Tochter, die sich das Einradfahren selbst beibrachte – tausendmal hingefallen, bevor sie schließlich das Einradfahren meisterte. Genau dieses Aushalten von Rückschlägen und das Festhalten an einer gemeinsamen Vision hält er für den entscheidenden Erfolgsfaktor jeder Schulentwicklung.
Kritik, Vergleichbarkeit und die Frage nach dem passenden Schultyp
Natürlich kommt im Gespräch auch die häufig gestellte Kritikfrage zur Sprache: Wie steht es um Vergleichbarkeit und Leistungsstärke, wenn klassische Klassenarbeiten wegfallen? Burow widerspricht hier deutlich – die Evaluationen der Alemannenschule würden zeigen, dass die Leistungen mindestens gleich, teils sogar besser ausfallen. Auch die Frage, ob dieses Modell nur für bestimmte Schularten geeignet sei, weist er zurück: Es gehe nicht um mehr oder weniger Unterricht, sondern um grundlegend anderes Lernen.
Zukunftswerkstätten: Von der Vision zur Veränderung
Zum Abschluss gibt Burow Einblick in seine eigene Methode, mit der er Kollegien bei Veränderungsprozessen begleitet: die Zukunftswerkstatt. Statt mit einer Kritikphase zu starten, arbeitet er mit wertschätzender Befragung und lässt Kollegien zunächst ihre eigenen pädagogischen Sternstunden sichtbar machen, bevor daraus gemeinsam eine Vision, eine Mission und ein Zukunftssymbol für die eigene Schule entstehen. Prof. Burows Artikel zu den Zukunftswerkstätten findest du übrigens hier.
Wie genau eine solche Zukunftswerkstatt abläuft, was es mit dem Bild vom Ei, der Raupe und dem Schmetterling auf sich hat und welchen letzten Tipp Burow für guten Unterricht bereithält, erfährst du in der Folge. Also hör doch mal rein!



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